Cleo Sprint

Jagdhund – Jagdfieber – Jagdlust

Ein Jagdhund ist etwas ganz Besonderes und erfordert ein anderes „Management“ als ein normaler Familienhund. Sobald ein Hund starken Jagdtrieb zeigt, ist der Halter gefordert mit viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungvermögen damit umzugehen.

Mit meiner höchst jagdtriebigen Podenco-Mix-Hündin befinde ich mich in guter Gesellschaft mit vielen anderen leidgeplagten Hundebesitzern, und ich kenne die täglichen Probleme aus eigenem Erleben.

Immer wieder lausche ich den Gesprächen anderer Hundebesitzer: „nein, der Pico von X jagt auch?“ oder „mein Hund ist ein Vollblutjäger, aber ich bekomme es mehr und mehr unter Kontrolle“ oder „ich übe den Rückruf schon so lange, aber wenn er etwas in die Nase bekommt, dann ist er weg“. Ich kann mit jedem Einzelnen mitfühlen.

An dieser Stelle sollte der Hundebesitzer einmal versuchen sich in seinen Hund hinein zu versetzen. Hat der Hundebesitzer seinen Hund verstanden? Hat er begriffen, daß es kein böser Wille ist, sondern daß es lediglich die Jagdhund-Gene sind, die ihm keine Alternative lassen?

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Zugegeben, als ich meine Hündin damals in Spanien adoptierte, wußte ich zwar, daß Podencos normalerweise jagen, beschwichtigte mich aber gleichzeitig, daß es schon nicht so schlimm werden würde. Aber das völlige Ausmaß der Jagdlust wurde mir erst auf unseren ersten Spaziergängen zuhause in Deutschland bewußt. Ich war ehrlich gesagt überwältigt von der Vehemenz, mit der mein Neuzugang sich auf alles stürzte was sich bewegte. Allein die Leine verhinderte Schlimmeres und mein Physiotherapeut bekam Arbeit.

Naiv gehörte ich ganz sicher in die Kategorie derjenigen, die sich einen Jagdhund anschafften und sich dann wunderten wie doll er jagt. Ich wußte nur eines, so konnte es auf gar keinen Fall bleiben.

Also tauchte ich in die weite Welt des Antijagdtrainings ein.

Was ist Jagen überhaupt?

Der Begriff JAGEN ist eigentlich ein Oberbegriff für eine sehr komplexe Aufeinanderfolge von verschiedenen Sequenzen, die wir eben allgemein als Jagen bezeichnen.

Bei genauerem Hinsehen,  besteht Jagen aber aus verschiedenen Verhaltensweisen:

Aufspüren mit den Augen, der Nase oder den Ohren, oder einem Mix aus diesen Möglichkeiten

Anpirschen der Beute

Fixieren der Beute

Hetzen der Beute

Packen der Beute und schließlich

Töten und

Fressen /Zerrupfen.

Die meisten Jagdhunderassen sind Spezialisten für einen Teil dieser Jagdsequenzen. Die FCI unterteilt die einzelnen Rassen in die Schwerpunkte Schweißhunde, Apportierhunde, Vorstehhunde, Stöberhunde und Hetzhunde.

Ein Golden Retriever z. B. hat seinen Jagd-Schwerpunkt auf den Sequenzen Aufspüren und Packen. Der Beagle als Schweißhund ist Spezialist für das Aufspüren. Der Cocker Spaniel als Stöberhund spürt auf und hetzt, bzw. treibt das Wild zurück. Der Deutsch Kurzhaar als Vorstehhund spürt auf und fixiert. Die Hetzhunde, wie Windhunde, werden unterteilt in Hunde, die ALLE Jagdsequenzen vollständig zeigen und jene, bei denen das Packen, jedoch nicht das Töten, die letzte gezeigte Sequenz darstellt.

Je mehr dieser einzelnen Jagdsequenzen also vom Hund beherrscht werden, und um so „triebiger“ er das Verhalten zeigt, desto schwieriger wird es für den Hundehalter die Kontrolle über den Jagdimpuls zu steuern. Bei einem Hund, der stöbert, kann man vielleicht noch rechtzeitig eingreifen, aber bei einem Sichtjäger, der innerhalb einer Nanosekunde durchstartet, hat man leider nur 0,0 Sekunden Reaktionszeit……

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Jagen gehört für Hunde zu den selbstbelohnenden Verhaltensweisen. Das heißt, daß er durch z. B. die Hatz so viel Endorphine und Adrenalin ausschüttet, daß es für ihn keine schönere Belohnung geben kann. Dagegen können leider Hundekekse oder Leberwurstbrötchen einpacken.

Durch den Adrenalinausstoß legt der Hund bei der Jagd den gesamten Fokus auf seine Handlung. Selbst der Schmerz wird ausgeschaltet. Keine schmerzende Pfote oder dorniges Gebüsch werden den Jäger in seiner Jagd behindern. Er nimmt es einfach in dem Moment nicht wahr.

Das erklärt dann auch, daß er andere, schwächere Reize wie z. B. unser Rufen nicht wahrnimmt. Er KANN es in diesem Moment nicht hören, er hat einfach „Besseres“ zu tun und ist in seiner ganz eigenen Glückshormonwelt eingefangen. Die Endorphine geben ihm zusätzlich ein wunderbar wohliges Hochgefühl, also ein absoluter Glücksmoment im Alltag eines Hundes.

Und nun soll unser Hund verstehen, daß ausgerechnet diese wunderbaren Momente in seinem Leben verboten sind?

Das erscheint ihm nun wirklich völlig unlogisch. Er wird Verbote ignorieren und Strafen einstecken. Der jeweilige Reiz legt im Gehirn einen Schalter auf JAGEN um, und der Hund kann sich auf Grund seiner Genetik in dem Moment nicht entziehen. Er MUSS Jagen, ob er will oder nicht.

Wie kann man den Jagdtrieb händeln?

Ja, wie geht es denn nun? Leider gibt es, wie immer in der Hunderziehung, kein Patentzrezept, aber es bedeutet in erster Linie ein rigoroses Umdenken eines bisherigen „einfachen“ Hundeverständnisses. Es ist von unerlässlicher Wichtigkeit sich Wissen über das Jagdverhalten eines Hundes anzueignen.

Damit ist nicht nur der Rückruf beim Spaziergang gemeint. Es beinhaltet ein Training und ein bewertendes Beobachten über den gesamten Tag. Es bedeutet den Abschied von: Montag und Mittwoch ist Hundeschule. Ab jetzt heißt es Hundeschule ist den ganzen Tag/24 Stunden und 7 Tage die Woche.

Es bedeutet in erster Linie zu erkennen, was ist Jagen im Alltag. Ist es schon Jagen, wenn Lumpi mal eben der Nachbarskatze hinterher läuft, die sich aber mit Sicherheit geschickt durch ein Sprung in den nächsten Baum retten kann? Oder ist es wirklich schon Jagen, wenn Bella sich mal ein Mäuschen aus der Wiese pflückt, das stört doch keinen, wir haben sowieso zu viel Mäuse. Oder ist es schon Jagen, wenn sich unser Hund am Nachmittag allein im Garten, da gut eingezäunt, mal ein/zwei Stunden allen Katzen-, Hasen- und Eichhörnchenspuren schnüffelnd widmen kann? JA, das ist bereits JAGEN!

 

Es erfordert in erster Linie ein Umdenken der Hundehalters!

Spätestens jetzt wird klar, daß es anspruchsvoll ist einen Jagdhund zu halten und zu erziehen. Es ist Arbeit, erfordert Zeit, es fordert den Hundehalter und verlangt viel Geduld und Durchhaltevermögen. Es kann Jahre dauern, manchmal sogar lebenslänglich. Alles ist möglich.

Einen Jagdhund erziehen heißt, die Jagdsequenzen zu kennen, sie beim eigenen Hund zu erkennen und sie im besten Fall in erwünschtes Verhalten umzulenken. Das hört sich nicht einfach an, und es ist auch nicht einfach. Aber es geht in den allermeisten Fällen.

Je öfter es dem Hund gelingt sich in den Jagdrausch zu bringen, desto öfter wird er sich mit diesem Glücksgefühl belohnen wollen. Daher ist vor allem in den ersten Traingsphasen darauf zu achten, daß der Hund nicht in diesen Rausch verfallen kann, nämlich mangels Gelegenheit. Lenken Sie den Hund ab, wann immer und wo immer es geht. Das ist die einzige Chance, die wir haben.

Überspitzt gesagt: Geben Sie den Animateur für Ihren Hund, damit er auf Dauer den Spaß bei IHNEN  sucht und nicht im Dickicht des Waldes. Und glauben Sie mir, es ist nicht leicht, sich immer wieder für den Hund interessant zu machen, aber damit steht und fällt die Interssenslage Ihres Hundes.

Das Ziel ist, aus einem unkontrollierten Jagdverhalten ein kontrolliertes Jagdverhalten zu bekommen. „Abstellen“ kann man den Jagdtrieb nie, besonders nicht bei sehr jagdpassionierten Hunden.

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In der Praxis heißt das:

Alles, was aus Hundesicht eine auch nur klitzekleine Jagdsequenz ist, muß vom Hundehalter in ein anderes Verhalten umgelenkt werden. Dieses „andere Verhalten“ sollte dem Hund viel Spaß machen und sollte kräftig belohnt werden.

Kein sich Selbstüberlassen des Hundes im Garten, damit er keine Tierspuren verfolgen kann. Kein sich Selbstüberlassen im Haus, wenn er dort mit Katzen oder Meerschweinchen „Spaß“ haben könnte. Es gibt sogar Hunde, die fixieren Fische im Aquarium, auch das ist bereits eine Jagdsequenz.

Bei Spaziergängen beschäftigt sich der Hundehalter mit dem Hund und macht sich interessant. Möglichst interessanter als die Spuren. Das ist wahrlich nicht leicht, aber die Kreativität dahingehend sollte stetig wachsen. Es gibt in der Lernphase nur Ruhe oder Arbeit.

Andere jagdlich motivierte Hunde sollten in der Anfangszeit nicht beim Spaziergang dabei sein. Die Hunde „verführen“ sich leicht gegenseitig und machen das Training von Wochen unter Umständen zu Nichte.

Wenn das Training fruchtet, dann bleibt der Hund angesichts seiner Reizauslöser immer entspannter und orientiert sich an seinem Menschen. Trotzdem kann es leicht passieren, daß der Hund in sein altes Verhaltensmuster zurückfällt. Das antrainierte Verhalten benötigt Zeit um sich zu festigen.

Je jagdpassionierter der Hund ist, desto leichter kann der Hund in sein altes Verhaltensmuster zurückfallen. Ein Leben lang.

Fazit:

Ein Jagdhund macht Spaß! Allerdings nur, wenn man sich auch darauf einlassen möchte und viel Arbeit und Zeit investieren WILL und KANN.

Wer „nur“ einen Hund als Familienbegleitung möchte, der wird mit einem immer fordernden Vollblutjäger sicher nicht glücklich werden.

Jeder Hund ist anders und jeder Mensch ist anders. Und jedes Hund/Mensch Team ist nocheinmal anders. Es empfiehlt sich, wie immer, sein Wissen zu erweitern, und das tut man am Besten, indem man sich viele verschiedene Trainer anschaut und deren Philosophien studiert. Hier erfährt man dann viele Ansätze zur Problemlösung. Viele namhafte Trainer schreiben Bücher, sodaß man sich relativ leicht einen Überblick verschaffen kann.

Je mehr Methoden man kennt, desto leichter findet man die beste Strategie für seinen eigenen Hund heraus. Manchmal läuft man auch in eine Sackgasse, das sollte einen jedoch nicht entmutigen. Man geht wieder einen Schritt zurück und probiert etwas anderes aus.

Mit freundlichem und konsequentem Training wird auch der motivierteste Jagdhund irgendwann ein zuverlässiger Begleiter werden.

 

2 Kommentare

  1. Hach mein Traum seit vielen Jahren. Aber hier in der Großstadt wohl eher nicht mehr als ein Traum. Ist ja auch ’ne Verantwortung die man da übernimmt

    1. Ja es stimmt, diese Hunde sind ein Traum! Natürlich ist das Landleben für einen Podenco ideal, aber ist das nicht für viele oder sogar die meisten Hunde so? Hunde sind Meister der Anpassung, und sie müssen in einer Großstadt nicht zwangsläufig unglücklich sein. Wenn Herrchen oder Frauchen für genügend Bewegung und Auslastung sorgen können, dann geht es vielleicht schon.
      Liebe Grüße Sabine

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